Dienstag, 1. Januar 2013

Predigt zur Jahreslosung Hebr 13,14 im Neujahrsgottesdienst vom 1. Januar 2013

Liebe Gemeinde

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Dieser kurze Vers aus dem Hebräerbrief ist die Jahreslosung für das Jahr 2013. Sie will uns an der Schwelle dieses neuen Jahres und durch das Jahr hindurch begleiten. In diesen Worten kommt eine christliche Lebenshaltung zum Ausdruck, die nicht bereit ist, in dem was ist, schon das Ganze zu sehen, weder stolz und selbstgerecht im Sinne eines: „Jetzt habe ich es geschafft, jetzt bin ich am Ziel“ noch resigniert in der Überzeugung, dass eh alles so bleiben wird und sich nichts mehr ändert.

Die Jahreslosung beginnt mit einer Negation: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Unser Glaube ist verbunden mit einer existentiellen Heimatlosigkeit in dieser Welt. Etwas zugespitzt gesagt: Die Klage über den Verlust von Heimat, über die verlorenen früheren Zeiten, das Jammern, dass früher alles - oder doch vieles - besser war, ist unserem christlichen Glauben zutiefst fremd. Und ich spitze diese Feststellung gerne noch einmal zu - auch wenn ich sie später relativieren muss: Unser christlicher Glaube ist im Verständnis des Hebräerbriefs in seinem Wesen zukunftsorientiert, progressiv und weit weg von einem konservativen Bewahren des Vergangenen oder des Bestehenden. Christlicher Glaube bejaht und begrüsst den Wandel und klammert sich nicht an das Bestehende.

Aber - so werden sie denken - es ist doch nicht jeder Wandel gut und als christliche Kirchen geht es uns doch um die Wahrung und Weitergabe der christlichen Tradition. Und haben nicht doch früher mehr Menschen die Gottesdienste besucht und nach dem Glauben gefragt? Ich gebe ihnen gerne recht. Es gibt keinen vernünftigen Grund, Wandel um des Wandels willen zu begrüssen und um jeden Preis Veränderung anzustreben. Wir wissen heute nur zu gut, besonders aus der Wirtschaft, wozu es führen kann, wenn ständiger Wandel propagiert wird und eine Strukturreform die andere jagt. Menschen wollen zu Recht begreifen, wozu der Wandel dient und sie wollen mitgenommen werden und mitgestalten können und nicht einfach dem scheinbar Alternativlosen ausgeliefert sein. Aber dort wo wir mitgenommen werden und mitgestalten können, braucht es auch unsere Offenheit und Bereitschaft, die Chancen des Wandels zu erkennen und uns nicht ans Alte zu klammern.

Und auch in unseren Kirchen müssen wir uns fragen, ob tatsächlich die Verlusterfahrungen darin ihren Grund haben, dass wir nicht entschieden genug am Vergangenen festgehalten haben - oder ob wir eher zu lange die alten Antworten gegeben haben, die zu den neuen Sorgen und Fragen der Menschen nicht mehr passen, die zu wenig ernst nehmen, dass Menschen heute ihre eigenen Antworten suchen wollen und nicht mehr einfach die tradtionellen übernehmen.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Unser Glaube ist verbunden mit einer existentiellen Heimatlosigkeit in dieser Welt. Das ist die Negation. Aber diese existentielle Heimatlosigkeit ist verbunden mit einer existentiellen Gewissheit. Ich möchte sie beschreiben mit den wunderbaren Worten aus dem Römerbrief: „Denn ich bin mir gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,38f). Diese existentielle Gewissheit trägt uns im Wandel unserer Zeiten. Sie gibt uns die Kraft, Vergangenes loszulassen, uns einzulassen auf das Neue und es mitzugestalten, im Wissen darum, dass auch das Neue immer nur vorläufige Antwort und Durchgangsstation sein kann.

Wie sieht das zuende gegangene Jahr aus, wenn wir es in diesem Licht betrachten? Wie sieht es aus, wenn wir unser persönliches Leben und unser Umfeld in den Blick nehmen und wie, wenn wir auf die schweizerischen und weltweiten Entwicklungen und Geschehnisse schauen? Licht und Schatten, Glücksmomente und Enttäuschungen, positive Nachrichten und Schreckensmeldungen werden uns in den Sinn kommen - und vielleicht werden wir in manchem bei denselben Ereignissen zu verschiedenen Deutungen kommen. Und doch gibt es vermutlich bei jedem von uns so etwas wie ein Grundgefühl - es war ein gutes Jahr oder es war ein schwieriges Jahr. Wir sollten dieses Grundgefühl ernstnehmen und es nicht allzu schnell relativieren.

Wenn es ein gutes Jahr war, dann haben wir allen Grund, uns daran zu freuen und dafür dankbar zu sein. Auch ein gutes Jahr können wir nicht einfach festhalten. Wir müssen es zurücklassen und Abschied nehmen. Aber wenn wir es dankbar wahrnehmen und annehmen, kann es uns zu einer Kraftquelle werden, die uns auch in schwierigeren Zeiten trägt. Die Fähigkeit zur Dankbarkeit ist einer der kostbarsten Schätze und eine der grössten Kraftquellen in unserem Leben.

Doch auch wenn es ein schwieriges Jahr war, können und sollen wir zu diesem Grundgefühl stehen. Es ist nicht notwendig, dass wir den schwierigen Erfahrungen gleich wieder die guten entgegensetzen, die es doch zweifellos auch gegeben hat oder die anderen Schicksale, die noch schwerer sind. Denn dann würden wir unsere innere Unruhe und unsere Sehnsucht nach Veränderung nicht ernst nehmen und verkennen, wieviel Zeit es braucht, um schwierige Erfahrungen und Verletzungen, Enttäuschungen und eigene Fehler zu heilen, zu verändern und Neues daraus hervorwachsen zu lassen oder auch sie ruhen zu lassen und anzunehmen. Nur eines sollten wir niemals sagen: dass es ein Jahr zum Vergessen war. Denn es war und bleibt ein Jahr unseres Lebens, ein Teil dessen, was wir sind und oft sind es gerade die schwierigen und schmerzlichen Jahre, aus denen etwas Neues und Kostbares hervorwachsen kann, so wie Perlen nur dort entstehen wo es auch Verletzungen gibt. Wir können und wir müssen das nicht jetzt schon sehen oder einander davon überzeugen. Aber wir dürfen hoffen, dass wir das in der zukünftigen Stadt erkennen dürfen, dass Schmerz sich in Segen verwandelt und Schwieriges der Beginn neuen Lebens sein kann.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Die Worte der Jahreslosung weisen uns auf ein Ziel hin, das jenseits dieser Welt und dieses Lebens liegt. Aber sie sind keine Vertröstung auf das Jenseits. Und die zukünftige Stadt ist auch keine Glaubenswahrheit, auf die wir einfach zurückgreifen, keine Position, die wir einnehmen könnten. Suchen ist in unserer Jahreslosung das entscheidende Wort.

Als Suchende sind wir unterwegs - nicht als die, die schon gefunden haben. Aber als Suchende sind wir getragen von einer Verheissung, von dem Versprechen Gottes, dass bei ihm nichts und niemand verloren ist und in der zukünftigen Stadt alles Leid und alle Tränen abgewischt sein werden und sogar der Tod nicht mehr sein wird. Wir haben das Versprechen, dass all die Bruchstücke unseres Lebens, die für uns vielleicht noch keinen Sinn ergeben, von Gott heil und ganz gemacht werden. Wir sind getragen von dem Suchen und den Antwortversuchen derer, die vor uns gesucht, geglaubt und gehofft haben. Ihnen schulden wir Dank, denn wenn wir nicht mehr wissen, woher wir kommen und was andere vor uns bewegt hat, werden wir in unserem Suchen orientierungslos. Und unser Suchen leitet sich ab aus unsern eigenen Erfahrungen und aus der Achtsamkeit für die Erfahrungen der Menschen um uns.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Der Hebräerbrief weist uns auch die Richtung für unser Suchen. Draussen vor dem Tor sollen wir die zukünftige Stadt suchen, jenseits des Gewohnten und Vertrauten, bei denen die Zuwendung nötig haben, bei denen, die unsere Zeit und unsere Hilfe brauchen, bei denen, die am Rande stehen, dort wo Jesus sein Kreuz getragen hat und wo Menschen heute ihr Kreuz tragen

In einem Zeitungsartikel hat in diesen Tagen eine Journalistin über „die falsche Rückkehr zur Religion“ geschrieben. Vieles daran hat mich zum Widerspruch gereizt. Aber einem Satz kann ich nur zustimmen: „Was derzeit fehlt, ist ein Plädoyer für den Zweifler und den Suchenden. Der Zweifler, der Suchende bleibt menschlich.“ Nur dass ich bezweifle, dass der Agnostiker der einzige Zweifler und Suchende ist, wie die Autorin suggeriert. Als Zweifelnde und Suchende sind wir als Christinnen und Christen unterwegs, die sich an der Botschaft Jesu und an der Botschaft unserer Jahreslosung orientieren. Wir zweifeln an allen irdischen Heilsversprechen, aber auch an vermeintlich ewigen Glaubenswahrheiten. Wir suchen Antwort auf unsere Fragen und nach Sinn. Und wir werden in unserem Suchen getragen von der Zusage, dass unser Suchen ein Ziel hat und von einer existentiellen Gewissheit.

Suchende sind wir. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Aber als Suchende trägt uns die existentielle Gewissheit: „Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ Daraus dürfen wir Kraft und Zuversicht schöpfen - auch in diesem neuen Jahr. Amen.

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